Portrait von Manfred von Mackensen
Manfred von Mackensen

Am 23. November ist Dr. Manfred von Mackensen über die Todesschwelle gegangen. Wir mögen sein Leben, sein Wirken, sein Verhältnis zur Welt und zu den Mitmenschen unter ganz verschiedenen Blickwinkeln vor uns haben: als Verwandte, Schüler, Studenten, Mitarbeiter, Freunde; es mögen ganz unterschiedliche Erlebnisse sein, die wir mit ihm verbinden, so können wir uns doch einig sein in der Dankbarkeit über das, was dieser Mensch so klar und nachhaltig vertreten und in die Welt gebracht hat, womit er so viele andere Menschen angeregt, ihnen entscheidende Impulse für ihre Arbeit und für ihr Weltverhältnis gegeben hat. - Johannes Roth, Kassel im Lehrerrundbrief 99.Manfred von Mackensen brachte als Oberstufenschüler seinem Lehrer Ernst Weißert an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe eine besondere Wertschätzung entgegen. Als er sich nach der Promotion selbst auf den Lehrerberuf zubewegte, war es wieder Ernst Weißert, der eine Weichenstellung vornahm und ihn fragte, ob er nicht in Stuttgart im Rahmen eines Projektes der Pädagogischen Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen die naturwissenschaftlichen Epochen in den Fächern Physik und Chemie durcharbeiten, didaktisch aufschließen und insbesondere phänomenologisch verankern könne.
Manfred von Mackensen nahm dieses Angebot an und leistete echte Pionierarbeit: Wie ist es möglich, Optik so zu unterrichten, dass Schüler verständig in die Zusammenhänge eintauchen können, welche sich im Hellwerden der Welt tätig vollziehen? Wie können hier Begriff e gebildet werden, die den Erscheinungen nicht nur allgemein, sondern im Besonderen gerecht werden? Wird da an Waldorfschulen vielleicht mancherorts ein Lichtbegriff mystisch erlebt, aber im Kern rein materialistisch gebraucht? – Es galt, durch Einwurzelung in die Erscheinungsreihen adäquate Begriffe zu finden und »Waldorfgewohnheiten« wach und kritisch zu durchdenken. Aus dieser Forschungstätigkeit gingen die ersten Auflagen der Bücher für die Mittelstufe hervor, »Klang, Helligkeit, Wärme« in Physik, »Feuer, Kalk, Metalle« in Chemie. Im Laufe seines weiteren Berufslebens folgten für alle Epochen der Oberstufe in Physik und Chemie entscheidende Beiträge, meist in Buchform. Weitere Darstellungen zur Biologie und Geografie schlossen sich an.
Die Einwurzelung in die Welt, Waldorfpädagogik im Spiegel der Fachlichkeit konkret und originell zu realisieren waren Motive, die nicht nur seine Forschungstätigkeit im Umschwung auf den Lehrerberuf prägten, sondern sein ganzes weiteres Berufsleben bestimmten. So war eine oft von
ihm gestellte Frage, wenn neue Dozenten in der Lehrerbildung eingesetzt werden sollten, ob sie nicht nur Bedeutendes allgemein zur Waldorfpädagogik zu sagen hätten, sondern auch, ob sie die Inhalte ihrer Fächer tatsächlich lebensvoll bzw. »geistig frisch« ergreifen könnten.
Wenn in Anthroposophie-Kursen Gastdozenten von Geistbegriffen ausgingen, die hinter den Erscheinungen ehrwürdig gedacht wurden und nicht als in den Erscheinungen selbst tätig anwesend, so ergab sich für gewöhnlich keine weitere Zusammenarbeit. Es war eine geistrealistische Position, die Manfred von Mackensen in seinen Kursen vertrat und in sorgfältig »ersonnenen« Tafelaufschrieben festhielt. Dabei schöpfte er die Tafelfläche meist voll aus …

Als Lehrer war Manfred von Mackensen bemüht, stets ein Forschender zu bleiben: Er nahm jede Epoche, die er unterrichtete, zum Anlass, sich neue Aspekte der Epochenthematik zu erarbeiten. Dabei warf er immer wieder selbst Entwickeltes um und »marschierte« frisch in eine andere Richtung weiter. Ihm lag daran, die Phasengliederung des Epochenunterrichtes, wie sie von Steiner in der Trias Schluss-Urteil-Begriff entwickelt wurde, so zu greifen, dass Schüler mit ihrem ganzen Menschsein dabei sind, wenn sie der Welt begegnen und Zusammenhänge finden.
Die Tiefe einer ersten, verständig wahrnehmenden Begegnung mit der Welt im sogenannten Schluss beschäftigte ihn bis zu seinem Tode zentral. In der unterrichtlichen Praxis empfand er oft, dass weniger begabte Schüler die Qualitäten dieser Begegnung in besonderem Maße realisierten. Er suchte so auch, in der Phasengliederung des Hauptunterrichtes das weite Begabungsspektrum der Schüler als einen pädagogisch reichen Lebensbezug zu greifen.
Ab den 70-er Jahren war er an der Freien Waldorfschule Kassel als Lehrer tätig und führte dort bis 2002 Klassen als Klassenbetreuer. Bereits in den 70-er Jahren begann er mit den Fortbildungswochen für Oberstufenlehrer, in denen stets in der Karwoche eine Klassenstufe der Oberstufe in den Epochenfächern des Hauptunterrichts in verschiedenen Fachkursen behandelt wurde. Diese Fortbildungswochen laufen bis heute ohne Unterbrechung weiter.
1983 richtete er in enger Zusammenarbeit mit Kollegen der Schule eine gut einjährige postgraduierte Vollzeitausbildung für Oberstufenlehrer ein. Peter Guttenhöfer und Heinz-Christian Ohlendorf waren dann seine langjährigen »Weggenossen«. Sie bildeten den Vorstand des Trägervereins, richteten die Blockausbildung als neue periodische Ausbildungsform ein und lebten alle die Auffassung, dass mit der Tätigkeit in der Lehrerbildung die tägliche Herausforderung, vor der Klasse zu bestehen, weitergehen müsse.
Neben all diesen Aktivitäten verfolgte Manfred von Mackensen zahlreiche Forschungsprojekte und entwickelte Lehrmittel, die für einen phänomenologisch angesetzten Unterricht notwendig waren, aber von den etablierten Lehrmittelfirmen nicht angeboten wurden. Diese Lehrmittel werden bis heute über den Standort Kassel vertrieben. Wie wichtig ihm diese Linie war, wurde deutlich, wenn er im internen Kreis bis zuletzt nur »Ich gehe jetzt in die Forschungsstelle« formulierte. Man hörte an Stelle des Wortes »Forschungsstelle« fast nie das Wort »Lehrerseminar«.

Manfred von Mackensen gelang es auf zahlreichen »Ausmärschen«, die er gerne ad hoc in einem Kurs ansetzte, den Teilnehmern vorzuführen, wie er sich differenziert in den Anblick einer Landschaft, die Atmosphäre einer Waldlichtung oder den Ausdruck eines einzelnen Baumes einleben und eindenken konnte. Dabei gelang es ihm auch, deutlich zu machen, wie man durch solche Bewegungen des Einlebens das eigene Denken, Fühlen und Wollen durcharbeitete. Er spannte dann den Bogen von der phänomenologischen Betrachtung zur Anthroposophie in eindrucksvoller Weise.

Im Gegenzug hatte er das starke Bedürfnis, die räumliche Gestaltung der Forschungsstelle bzw. des Lehrerseminars atmosphärisch eigen und insbesondere improvisiert zu fassen. Auch empfand er als geschäftsführender Vorstand schon eine geringe Liquidität als Appell, in einem für ihn sichtbaren Weg das vorhandene Geld für ein neues Projekt einzusetzen, ohne dabei eine längerfristige Haushaltsplanung als maßgebend zu empfinden. Gewinn- und Verlustrechnungen waren für ihn die »Schwundstufe des Vorstellungsbildes« im Gegensatz zu den Möglichkeiten des Lebens im Hier und Jetzt. Das konnte für massive Konflikte und lang anhaltende
Verletzungen sorgen.
Viele Prozesse, die er als nicht »von unten« getragen, sondern als »von oben« abstrakt inszeniert erlebte, waren für ihn nicht zu vertreten. Hier empfand er sich in großer Opposition zu vielen Vorgängen im Bund der Waldorfschulen. Immer wieder verfasste er dann lange Schriftstücke, in denen er sein Spannungsverhältnis im Detail durcharbeitete.

Als Manfred von Mackensen um seinen 70. Geburtstag eine erste, schwere Gehirnoperation durchgestanden hatte, gab er sämtliche Verantwortung in freilassender Weise ab und hielt sich aus den Vorgängen im Lehrerseminar und der Forschungsstelle heraus. Gleichwohl war es wahrscheinlich sein größter Schmerz, dass er dort jetzt nicht mehr in fortlaufende Tätigkeiten eingebunden war. Im äußeren, institutionellen Auftreten entwickelten sich sein Ansatz und der seiner Nachfolger auseinander. Was hingegen seine inhaltliche Arbeit, seinen Forschungsansatz und seine Stellung zur Waldorfpädagogik betrifft, werden viele seiner Impulse bis heute bruchlos weitergeführt und ausgebaut. Seine Arbeiten bilden die Grundlage für zahlreiche Dissertationen, wie auch seine neuen Wege in der Lehrerbildung, insbesondere das Blockstudium, heute fast durchgängig im Bund der Freien Waldorfschulen als gerechtfertigt angesehen werden. Eines seiner Herzensanliegen, die Fortbildungswoche für Oberstufenlehrer in der Karwoche, läuft inzwischen bilingual in Deutsch und Englisch. Die vielen Perspektiven, welche die Kollegen aus über 20 Nationen einbringen, erzeugen in einem heutigen Gewand jene Aufbruchsatmosphäre, die Manfred von Mackensen stets für den Oberstufenunterricht, oder allgemeiner gesprochen: für das fachliche Lernen, gesucht hat.

- Wilfried Sommer im Lehrerrundbrief 99.

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